Konzeption unserer Therapie- und Lebensgemeinschaft





Pädagogischer Umgang mit aggressiven Verhaltensweisen (Betreuung in der Zuflucht)

In der Diskussion um aggressive Verhaltensweisen ist wichtig festzustellen, daß die Behinderten, mit denen wir zusammenleben, als zutiefst gestört in ihrer emotionalen Entwicklung sind. Sowohl hirnorganische Schädigungen als auch eine Summe verschiedenster traumatischer, psychischer Faktoren und eine andersartige Form der Wahrnehmungsverarbeitung und der Kommunikationsfähigkeit begleitet von Einschränkungen der Sprache führen zu elementareren Äußerungsformen dieser Menschen. Aggressive Verhaltensweisen werden so zur Mitteilung und zum Dialog über anders nicht mitteilbare Bedürfnisse in der inneren und äußeren Welt.
Archimedischer Punkt in der Therapie und Förderung ist eine positive Betreuung und Veränderung der aggressiven Verhaltensweisen. Erst das Verstehen und der Abbau der aggressiven Verhaltensweisen ermöglichen ein Zusammenleben. Dazu notwendig ist die räumliche Trennung dieser Arbeit von dem alltäglichen Leben der Gruppe.. Diese Räumlichkeit, in denen die Betreuung der aggressiven Verhaltensweisen stattfindet, nennen wir die Zuflucht. Aus der Einsicht, daß aggressive Verhaltensweisen das Gruppenleben erheblich belasten oder andere in eine psychische Krise führen können, macht es notwendig, diese Räumlichkeit von den anderen Gruppenräumen zu trennen. Innerhalb der Zuflucht sind die Mitarbeiter in der Lage aggressiven Verhaltensweisen begleitend und schützend zu begegnen. Dem Menschen in der Krise wird so die Möglichkeit gegeben die aggressiven Verhaltensweisen im Sinne eines eigenen psychischen Wachstums zu verändern. Dazu bedarf es entsprechenden zeitlichen und räumlichen Gegebenheiten.

Im folgenden sollen die verschiedenen Phasen der pädagogischen Betreuung innerhalb der Zuflucht dargestellt werden.

  1. Am Anfang der Betreuung aggressiver Verhaltensweisen stellen sich bestimmte Mitarbeiter dem Behinderten rund um die Uhr zur Verfügung. Diese Betreuung kann zunächst nicht im Schichtdienst gemacht werden, eine ständige und konstante Beziehungsarbeit ist in dieser Phase notwendig. Dies ermöglicht dem Behinderten zu erkennen, daß seine Betreuer nur für ihn da sind und man die Überforderung durch Dienstwechsel erkennt. Desweiteren ist das Verstehen und Begreifen der Ursachen und hilfreicher Maßnahmen nur durch das Begleiten des gesamten Tagesablaufes möglich. In dieser Phase nehmen die Mitarbeiter jede gegen sie gerichtete Aggression hin, interpretieren die psychische Not, die dahinter steht, und grenzen sich in keiner Form von Gewalt ab. Es darf lediglich schützendes Verhalten angewandt werden, so daß keine Verletzungsgefahr besteht.
    Es ist uns wichtig, daß dieses Annehmen und Akzeptieren der aggressiven Verhaltensweisen immer geschehen muß, denn dies ist die Voraussetzung einer vertrauensvollen und liebenden Beziehung, ohne deren Bildung der weitere Abbau aggressiven Verhaltens nur scheitern kann. Wenn die Mitarbeiter die Aggressionen angst- und ablehnungsfrei ertragen und dem Behinderten dadurch Sicherheit vermitteln, dann ist Vertrauensbildung möglich. Lösen sich die aggressiven Verhaltensweisen bereits in dieser Phase, ist eine behutsamen Öffnung zur Gruppe angebracht und das Bedürfnis nach Kontakt zu Anderen ist allmählich zu fördern.

  2. Das zentrale Problem im weiteren Verlauf der Betreuung liegt in der Eingrenzung und dem Verhindern der zerstörerischen Aggression. Dieser Prozeß darf nicht als Bestrafung oder Ablehnung erlebt werden. Es muß deutlich spürbar werden, daß die Mitarbeiter den Behinderten körperlich halten oder mit ihm ringen und seine aggressiven Verhalten beenden, um weitere Zerstörung zu verhindern. Was wir erreichen wollen ist die Tatsache, daß der Behinderte spürt und erlebt, daß seine Verhaltensweisen nicht zum angestrebten zerstörerischen Ziel führt. In den Zeiten in denen keine Aggressionen stattfinden ist es notwendig pädagogische Formen körperlich liebevoller Zuwendung und aggressionsfreiem Zusammenseins zu praktizieren.

  3. Zum Abschluß der Betreuung aggressiver Verhaltensweisen ist es die Aufgabe der Mitarbeiter, zu einer angstfreien Weiterentwicklung der Behinderten zu gelangen. Dies bedeutet, daß jede nicht aggressive Verhaltensweise ausdrücklich lobend und positiv stützend gefördert wird und im Kontakt mit den Mitarbeitern begleitet wird.. Kontakte zu der Gemeinschaft werden sorgfältig unter dem Aspekt der Überforderung besprochen. Wichtig ist eine allmähliche und behutsame Integration in das Gemeinschaftsleben, so daß immer wieder Rückzug in die Räume der Zuflucht möglich sind. Desweiteren geht es nicht darum, daß der Behinderte in eine bestehende Gemeinschaft integriert wird, sondern unsere pädagogische Absicht ist es, daß der Behinderte den Zeitpunkt und die Art des Kontaktes selbst bestimmt und die Mitarbeiter dies lediglich begleiten, den Rückzug in die Zuflucht jedoch liebevoll aber bestimmt aus ihrer pädagogischen Kompetenz entscheiden. Diese Phase der Betreuung ist dann abgeschlossen, wenn sowohl die Ängste des einzelnen Behinderten, als auch der Gruppe soweit abgebaut sind, daß ein unbelasteter Umgang miteinander möglich ist.




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